Geschrieben

  • am 01.01.2010
  • um 02:18 PM
  • von hoste

Continental Reifenwerke Hannover 1

Die Continental Reifenwerke Hannover/ Werk Limmer war einer der Standorte des 1871 gegründeten Traditionsunternehmens und wurde 1929 von den Excelsior Gummiwerken übernommen. Im Jahre 2000 gab das Unternehmen das Werk auf, 2002 erwarb es die “Wasserstadt Limmer GmbH & Co. KG”.

Für Fotografen, die auf Industriebrache stehen, war das Gelände das El Dorado schlechthin, das in und um Hannover seinesgleichen suchte. Hohes Alter, viele Jahre Leerstand und die damit verbundenen Verwitterungen und Korrosionen gaben den Objekten einen eigenen, morbiden Charme. Bei jeder Fototour gab es neue Gänge, Hallen, Winkel und Treppen zu entdecken, die in Bereiche führten, die man zuvor noch nicht kannte. Überflutete Keller und unterirdische, begehbare Kabelschächte erzeugten ein kribbeliges Gefühl im Nacken, doch die Neugier siegte meist.

Das Conti-Gelände war an Wochenenden so belebt wie eine Flaniermeile bei Sonnenschein. Ganze Familien gingen hier spazieren, Band-Videos wurden gedreht, Fotomodelle räkelten sich auf den Maschinen, Cross-Golfer schlugen weite Bälle über die Freiflächen und Paintball-Spieler schlichen durch die Hallen. Leider tobten sich dort auch Vandalen aus und irgendwann gab es nicht eine einzige intakte Fensterscheibe mehr. In der Nacht kamen die Altmetallsammler und unzählige Sprayer überzogen Dächer und Wände flächendeckend mit einem bunten Leichentuch.

Insgesamt war ich vier Mal dort, mal allein, mal in Begleitung. Mein Sohn war darunter, mein Bruder und eine ganze Reihe guter Freunde. Einmal waren wir zu Fünfzehnt. Alle mit Kamera und alle von Photocase. Jeder war fasziniert von der Szenerie und eine kreative Fotosession bei Nacht in einer Halle mit Dutzenden Teelichtern, Taschenlampen, Knicklichtern und allerlei LED-Firlefanz bleibt uns in liebevoller Erinnerung.

Die Conti war gegen Ende immer wieder eine Zeitungsmeldung wert. Mal war es ein Leichenfund, ein anderes Mal eine nicht angekündigte Sprengung, welche die Anlieger erschreckte. Dann wieder war das Werk noch gesperrter als sonst ;-), wenn ein Sondereinsatzkommando hier Häuserkampf auf unbekanntem Terrain probte. Als die Abrissarbeiten sichtbare Formen annahmen, patrouillerte zeitweise sogar ein Wachdienst, weil Baufahrzeuge in Brand gesteckt wurden. Vorgefundene Parolen wie “Ihr macht unser Paradies kaputt!” ließen Rückschlüße zu über die Beweggründe weniger konsensfähiger Zeitgenossen.

All das ist Geschichte. Heute ist das gesamte Gelände, bis auf das Verwaltungsgebäude an der Strasse und zwei Weitere direkt am Kanal, die noch der Verbreiterung der Wasserstrasse zum Opfer fallen sollen, nahezu pulverisiert. Unzählige Kolonnen von Lastwagen karren die gesprengten und klein geschredderten Reste fort.

Irgendwann werden die Abriss- und Bodensanierungsarbeiten abgeschlossen sein und hier im Dreieck zwischen Leineverbindungskanal und Zweigkanal Linden ein neuer Stadtteil mit ca. 600 Wohneinheiten entstehen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Wasserstadt Limmer kein so seelenloser Glas- und Stahl-Dinosaurier wird wie es die Hafencity in Hamburg ist.

Conti Limmer bei Google Maps

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Es gibt einen Kommentar zu diesem Artikel

  1. Kai Gieseler sagt:

    Ich darf mit Stolz sagen: “Ich war dabei!”

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